Odyssee am Samstag.

Lieber ADC, liebe Messe Frankfurt,

„Ideen sind das Geld von morgen“ – das diesjährige Motto des ADC Festivals 2012 in Frankfurt. So schön griffig, provokant und weitblickend sich dieser Satz liest, so kurz gesprungen ist er, wenn nicht mal die Veranstalter selbst ihn beherzigen. 

Stellen wir uns kurz folgende Szene vor: Ein junges (zumindest gefühlt) Werberpärchen nebst dem acht Monate alten Nachwuchs macht sich ganz klassisch und wie jedes Jahr an einem Samstag im Mai auf den Weg zur ADC-Ausstellung. Seit die ganze Chose von Berlin nach Frankfurt umgezogen ist, fällt das Klassenfahrt-Feeling weg, die Anfahrt dafür um einiges leichter. Also freut man sich über die problemlose und staufreie Zufahrt zur Tiefgarage unter dem Messeturm, parkt das Auto, baut den Kinderwagen zusammen, lädt den Stöpsel aus der Sitzschale ins Gefährt und macht sich voller Vorfreude auf den Weg in Richtung Halle 5.

Nach dem kurzen Weg durch die PKW-Katakomben wuchtet man den Kinderwagen durch die Tür Richtung Ausgang und steht vor: Treppen. Man sucht vergebens den Fahrstuhl, man flucht, man hievt Kind und Wagen gemeinsam ins nächsthöhere Untergeschoss. Vorbei an Parkautomaten zieht es die Kleinfamilie in Richtung Tageslicht. Nächster Halt: Rolltreppen. Fahrstuhl? Selbstverständlich vorhanden, aber abgeschaltet. Dann also die Rolltreppen. Schmale Rolltreppen. Sehr schmale Rolltreppen. Auch wenn einem immer und immer wieder eingebläut wird, mit Kind und Kegel niemals auf diesen Fahrgeschäften von einer Etage zur nächsten zu gleiten (weil von der Europäischen Union aus Sicherheitsgründen völlig zu recht schon seit Januar 2010 verboten). Mensch, haben wir ein Glück, dass der Kinderwagen gerade schmal genug ist – bis man ungläubig feststellt, dass nicht nur der Fahrstuhl, sondern auch die besagten motorisierten Treppen abgeschaltet sind. Die nächste unfreiwillige körperliche Ertüchtigung. Was tut man nicht alles, um die Krone deutschsprachigen Kommunikations-Schaffens zu bewundern. Um einen herum leicht verkaterte Jungwerberinnen und -werber, die einen mit einer diffusen Mischung aus Befremden, Mitleid und Abscheu (Menschen mit KIND!) mustern. Egal, das ficht uns nicht: Auch wir sind Werber, wir wollen jetzt Werbung sehen. Ab Richtung Haupteingang, links neben dem Maritim Hotel. Treppen hoch, durch die Tür, und dann eigentlich auch schon wieder Treppen runter. Als wir endlich in Halle 5 ankommen, sind wir nicht nur gut aufgewärmt, wir sind auch ordentlich angenervt.

Auf der Ausstellung dann das übliche Prozedere. Man versucht, nicht nur Schwätzchen mit all den lieben Ex-Kollegen zu halten, sondern sich auch ein Bild von all den tollen Ideen des letzten Jahres zu machen. Klappt auch ganz gut, ist wie jedes Jahr spannend, teilweise wirklich lustig, teilweise lächerlich und im Großen und Ganzen anregend wie eh und je. Als der Minimensch nach gut zwei Stunden dann doch mal den Windelwechsel anmahnt, macht man sich also auf den Weg zu den Toiletten – um festzustellen, dass die Damentoilette keine Wickelunterlage bietet. Dann eben auf die Behindertentoilette, da ist wenigstens ausreichend Platz. Abgeschlossen. „Ja, da müssen sie mal beim Hallenwart nachfragen.“, meint der freundliche ältere Herr, der direkt neben den Toiletten aufpasst, dass niemand was klaut oder ohne Eintrittsbändchen in die Halle schleicht. Eigentlich überflüssig zu erwähnen, dass das Büro des Hallenwartes nicht besetzt ist. Das Kindchen bekommt die neue Windel nun notdürftig in der hintersten und dunkelsten Ecke der Halle (direkt neben der Kategorie „Print – laufende Kampagne“… Modern times, ick hör dir trapsen) erneuert. Und wir kommen uns bei der Aktion ein bisschen vor, als würden wir gerade Drogen verchecken oder hochgeheime Dokumente austauschen: Hoffentlich sieht uns keiner!

Als wir nach etwa dreieinhalb Stunden den Weg zurück Richtung Tiefgarage antreten, sind wir irgendwie nicht verwundert, dass der reguläre Ausgang an der Festhalle aus einem Drehkreuz besteht, durch das wir den Kinderwagen nicht mal demontiert durchbekommen würden. Ein Glück, dass es für Fahrrad- und Rollstuhlfahrer direkt daneben eine normale Tür mit elektrischem Öffner gibt. Da muss man einfach nur klingeln – damit nichts passiert. Gar nichts. Dann also doch wieder die Treppen hoch, 10 Meter fahren, Treppen wieder runter. Wir sind draußen. Wir stehen vor der Festhalle. Wir sind satt.

Da die Rolltreppen in Richtung Tiefgarage immer noch außer Betrieb sind (in ein paar Stunden zum Auftritt von DJ Bobo werden sie wohl eingeschaltet, mutmaßen wir), laufen wir zur regulären großen Zugangshalle. Hier treffen wir die ersten versprengten Bobo-Fans und ein paar freundliche Mitarbeiter der Messe Frankfurt, die auf unsere Frage, wie wir denn zu unserem Parkplatz kommen, genauso freundlich auf die… Rolltreppen (wir erinnern uns noch mal an das EU-Verbot, weil echt gefährlich) zeigen. Nein, die Fahrstühle sind nicht geschaltet. Die können wir leider nicht benutzen. Die Rolltreppen runter, durch ein paar unterirdische Gänge, jetzt nur noch Kind und Kinderwagen diese eine (jetzt wirklich letzte) Treppe runterwuchten und wir sind an unserem Auto.

Was wir Euch mit dieser kleinen Geschichte erzählen wollen? Wir waren zu zweit. Wir hatten die Möglichkeit, unter lautem Fluchen und dem Verlust unserer Contenance all diese Hürden irgendwie zu meistern. Auch, wenn wir uns zwischenzeitlich immer wieder entweder verarscht oder wie Mitspieler bei Takeshi‘s Castle vorkamen.

Jetzt stellen wir uns die ganze Szenerie mal ganz kurz mit einen Rollstuhlfahrer vor. 

Und spätestens dann sind wir an dem Punkt, an dem wir Euch, lieber ADC, liebe Messe Frankfurt gerne fragen wollen: Geht‘s eigentlich noch?

„Ideen sind das Geld von morgen.“, unter diesem Motto habt ihr die diesjährige Nabelschau der Werbewirtschaft veranstaltet. Gleichzeitig seid ihr ganz offensichtlich nicht fähig, auf die organisatorisch relativ simple Idee zu kommen, dass es Werbetreibende und/oder -interessierte geben könnte, für die eine einfache Treppe ein schier unüberwindliches Hindernis darstellt und die nicht einfach auf eine ganz normale Toilette gehen können, weil sie verdammt noch mal ein bisschen Platz brauchen, um wahlweise den Nachwuchs trocken zu legen oder sich selbst vom Rollstuhl auf die Keramik zu hieven. Wie ignorant bzw. gedankenlos darf man eigentlich sein, sich einerseits Kreativität, und Innovation auf die Fahnen zu schreiben, andererseits nicht dafür zu sorgen, die eigene Veranstaltung barrierefrei zu planen?

„Schon jetzt darf man sich auf fünf Tage Inspiration und Innovation beim wichtigsten Branchenforum für Kreative im deutschsprachigen Raum freuen.“ – es sei denn, man ist Rollifahrer. Aber dann bleibt einem ja immer noch die Online-Galerie. Ganz ohne (Roll)Treppen.

Verwunderte Grüße
Wortschätzchen und Gatte

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